Was genau ist eigentlich ROLFING?
Genau betrachtet ist ROLFING keine Behandlungstechnik, sondern eine ganzheitliche Sichtweise des menschlichen Organismus. Besondere Bedeutung wird dem Bindegewebe zugewiesen, das alle „Teile“ des Körpers miteinander verbindet – und zugleich voneinander trennt. Jeder einzelnen Struktur wird quasi ein bindegewebiger Raum, eine 'Loge' zugewiesen. Idealerweise sind all diese Räume – wie klein auch immer – in ihrer Beziehung zueinander frei beweglich. Wird diese Beweglichkeit reduziert, so sprechen wir erst mal von einer lokalen Mobilitätseinschränkung. Das Gesamtgleichgewicht wird dadurch etwas aus der Balance gebracht, der Körper muss nun die verschobenen Druck- und Spannungskräfte umlenken, man sagt: er muss 'kompensieren'. Die Gründe für Mobilitätsverlust können vielfältig sein:
· Operationen hinterlassen Narben, die wenig elastisch sind
· Bei akuten Entzündungen verkleben Schichten von Bindegewebe
· Knochenbrüche und Gelenksverletzungen begrenzen die Beweglichkeit
· Einseitiger Gebrauch sowie Schmerzvermeidung und Schonhaltungen führen zu asymmetrischen Belastungen
Diese Liste kann wesentlich länger sein. Im Grunde wichtig ist hier jedoch, daß der Körper kompensationsfähig ist: Bewegungsverlust kann durch Umverteilung von Kräften ausgeglichen werden. Damit wird Kompensationsfähigkeit zum relativen Gradmesser für Gesundheit! Denn je größer die Reserven des Organismus noch sind, desto mehr Potential hat er zur Verfügung. Oder anders gesagt: je mehr Potential schon in Kompensationen gebunden ist, desto anfälliger ist das Gesamtsystem. Dann reicht oft schon ein kleiner Unfall aus, um unverhältnismäßig gravierende Symptome hervorzurufen.
In der praktischen Arbeit unterscheiden wir in der Regel – ohne dabei scharfe Grenzen zu ziehen – zwei Arbeitsschwerpunkte:
· Prozessorientierte Anwendung z.B. durch eine sog. "ROLFING-10er-Serie"
· Problemorientierte Behandlungen akuter oder latenter Beschwerden
Was ist Prozessorientiertes ROLFING?
Strukturelle Integration – so bezeichnete Dr. Ida Rolf (daher der Name "ROLFING") selbst die von ihr entwickelte Art der Körperarbeit. Nach 30 Jahren praktischer Erfahrung in Körpertherapie kam sie zu einer Reihe von Einsichten:
· Bindegewebe und damit die gesamte Körperstruktur ist durch manuelle Interventionen positiv veränderbar
· die Schwerkraft zeigt stets ein abstraktes Lot an, das ein Gradmesser erfolgreicher Intervention sein kann
· je mehr die Struktur "im Lot" ist, desto freier und balancierter wird das Gesamtsystem
· zunehmende Balance ist ökonomisch, setzt Energie frei und verbessert die Funktionsfähigkeit des Organismus
· körperliche, emotionale und psychische Veränderungen greifen ineinander und sind nicht getrennt voneinander
So gesehen betrachten wir die klassische Form des ROLFINGs im Sinne einer "10er-Serie" als eine Möglichkeit das körperliche und psycho-emotionale Potential des Individuums anzusprechen. Rolfing ermöglicht es – primär vom Körper ausgehend – einen Prozess einzuleiten, der sich vorteilhaft auf körperliche Einschränkungen und individuelle Kompensationsfähigkeit, die Wahrnehmung und Stresstoleranz, den Grad der Bewegungsfreiheit und damit letztlich positiv auf den Energiehaushalt des Gesamtorganismus auswirken kann.
Wie läuft dieser Prozess ab?
In der Regel führen wir unmittelbar vor der ersten Behandlung ein kurzes Vorgespräch. Darin können Rolfer und Klient Grundmotivation und Therapieziele besprechen. Der Rolfer nimmt dann eine visuelle Analyse der Körperstruktur vor und entscheidet im Anschluß daran über die praktische Vorgehensweise. Die Behandlungen finden normalerweise in Abständen von ein bis drei Wochen statt und dauern in der Regel jeweils etwa 60 Minuten. Jede einzelne Behandlung konzentriert sich auf einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Die Reihenfolge der Schwerpunkte innerhalb einer Sequenz von Sitzungen folgt einer inneren (strukturell-anatomischen) Logik und orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen des Klienten.
Wann ist eine Problemorientierte Behandlungen sinnvoll?
Da das Bindegewebe als "3-D-Netzwerk" alle großen Körpersysteme (Bewegungsapparat, Organsystem, Nervensystem) sprichwörtlich in sich einbettet, sind viele Symptome – die nur scheinbar lokal auftreten – von einem ganzheitlichen Ansatz aus erfolgreich behandelbar. Das dem ROLFING zugrunde liegende, integrativ-organische Verständnis des Körpers, lässt sich folglich auch auf spezifische Symptome und Problemstellungen praktisch anwenden.
ROLFING ist sicherlich kein Allheilmittel – kann jedoch erstaunliche Erfolge bei sehr unterschiedlichen Problemen bewirken. Es kommt jedoch immer auf den Einzelfall an, da die Strukturelle Integration stets das Individuum – nicht das Problem behandelt.
Postoperative Beschwerden
Nach operativen Eingriffen am Bewegungsapparat wie z.B.:
Meniscus / Kreuzbänder des Knies, Schulter, Bandscheiben oder operativer Versorgungen von Knochenbrüchen oder akuten Entzündungen (Blinddarm) etc.
· die zwangsläufig entstehende Narbe (Bindegewebe) schränkt unmittelbar die lokale und regionale Bewegungsfreiheit ein
· Schmerzvermeidung und Schonhaltung wirken sich vor und nach der OP auf Statik und Koordination aus. Es können mit der Zeit sekundäre Probleme entstehen, die auf den ersten Blick mit der OP nichts zu tun haben.
Tennis-Ellbogen / Golf-Ellbogen / Computer-Maus-EllbogenKarpaltunnel-Syndrom etc.
Dieser Symptomkreis wird im englischen oft als "Repetitive-Stress-Syndrome"
zusammengefasst: lokale Überlastung durch häufige, gleichförmige Bewegungen verursachen mit der Zeit schmerzhafte Überlastungen einzelner Strukturen.
Skoliose
Rotationen in der Wirbelsäule bis hin zu klinisch relevanten Formen der Skoliose sind letztlich das Ergebnis komplexer Verschiebungen von Druck- und Spannungskräften im Organismus Diese folgen stets biomechanischen Gesetzmäßigkeiten. Akute Probleme entwickeln sich aus solchen Voraussetzungen, wenn der Körper keine Möglichkeit zu weiteren Kompensationen finden kann. Hier kann direkte Intervention unmittelbar Abhilfe schaffen. Ein Skoliosemuster selbst kann durchaus positiv verändert werden, wenn es möglich ist, langfristig mit einem Klienten zu arbeiten.
Hohlfuß / Knickfuss / Plattfuss / Halux valgus etc.
Die Form der Fußgewölbe und Stellung der Fußknochen zueinander stehen unmittelbar und direkt in Beziehung zu der individuellen Art und Weise, in der das Körpergewicht in den Boden übertragen wird. Und oftmals reicht das Tragen von Einlagen nicht aus, um effektiv und anhaltend die Situation zu korrigieren. Insbesondere bei akut-schmerzhaften Halux Problemen ist oftmals mit einigen Interventionen schon eine Entlastung möglich.